Foto:
Prof. Dr. P. J. Imperato,
Sept. 1994

Die Gedenkplatte am Marinefriedhof Pola
Foto: Alexander Traiber 2003

Archiv Trulei

Grab des k.u.k. Seekadetten Otto Karsch in New York nach 106 Jahren wieder aufgefunden
von Erwin Sieche


S.M. Korvette DONAU (II) verließ am 1.10.1885 den Zentralhafen Pola zu einer Missionsreise nach Westindien, Nordamerika sowie der Nord- und Ostsee. An Bord befanden sich die neu ernannten Seekadetten des Ausmusterungsjahrgangs 1885: Otto Karsch, Rudolf Brosch, Victor Wickerhauser, Julius Böttger, Franz Teichgräber, Alfred Pruckmüller, Karl Stahlberger, Karl (Dragutin) Prica, August Frh. v. Ramberg, Eduard Mayer, Hugo (Emo) Descovich, Miroslav Makuc, Vitus Voncina, Karl Stieber Edl. v. Stürzenfeld, Johann Indrak, Victor Nikolits, Peter Ritter Risbek v. Gleichenheim, Heinrich Ritter v. Nauta, Leopold Vernouille und Eduard Slonecki Ritter v. Korab. Das Kommando führte FrgKpt Hermann Czeike, Gesamt-Detail-Offizier war LSchLt 1. Kl. Johann Holeczek.
Die Reiseroute verlief wie folgt: 1.10.1885 Pola aus. 3.-5.10. Gravosa/Gruž.5.-8.10. La Valletta/Malta. 20.-24.10. Tanger. 3.11.-7.12. Port-au-Prince/Haiti. 24.12.1885-14.1.1886 Havanna/Kuba.1.2.-22.3. New York. 15.-22.4. Cherbourg. 25.4.-1.5. Portsmouth. 2.-6.5. Gravesend. 7.-31.5. Kiel. 27.6.-4.7. Karlskrona. 9.7.-8.8. Kronstadt. 16.-28.8. Kopenhagen. 5.-11.9. Niewdiep/Texel. 24.9.-6.10. Lissabon. 10.-14.10. Gibraltar. 17.-30.10. Algier. 11.11.1886 Pola ein. 15.11.1886 abgerüstet und außer Dienst gestellt.
Neben vielem Aufregendem für Stab und Besatzung gab es leider auch einige traurige Vorfälle auf dieser Missionsreise. Am 26.12.1885 stirbt in Havanna der Schiffskommandant, Hermann Czeike. Seine Witwe Marie und der Verstorbene werden am 20.8.1886 nobilitiert mit dem Adelsprädikat "von Hallburg". Das Grab Czeikes - vermutlich auf dem Ausländerfriedhof von Havanna - konnte bis jetzt nicht lokalisiert werden. Jeder unserer Leser, der nach Kuba fährt, ist herzlichst zur historischen Spurensuche eingeladen.
Unter dem provisorischen Kommando des GDO fährt die Korvette weiter nach New York. Orkanartige Winterstürme und Temperaturen unter Null Grad machen die Überfahrt beschwerlich und gefahrvoll. Am 1. Februar ankert die Korvette mitten im North River auf der Höhe der 27. Street. Die Temperaturen sinken auf -20° C, am 3. setzt heftiger Schneefall ein. Um 18 Uhr kehrt LSchLt Holeczek mit der Barkasse von Land zurück. Er hatte die Behörden informiert, daß die DONAU wegen der Gefahr von Treibeis möglicherweise gezwungen sein würde, einen geschützteren Ankerplatz aufzusuchen. Beim Anlegemanöver kollidiert die Barkasse mit der DONAU, ein Dampfrohr wird abgerissen, die Maschine steht still, die Barkasse beginnt abzutreiben. Hierauf wird eilends der Kutter Nr. 3 zu Wasser gelassen, um den Havaristen einzuschleppen. Dieser Kutter mit 17 Mann steht unter dem Kommando des Seekadetten II. Kl. Otto Karsch. Bei heftigem Schneetreiben gelingt es Karsch, die Barkasse zu finden und in Schlepp zu nehmen. Da taucht urplötzlich im Schneetreiben der Schlepper BLANCHE PAGE auf und fährt den Kutter über den Haufen. Bei dem Unglück finden Otto Karsch, der Matrose 1. Kl. Anton Cipari?, die Matrosen 2. Kl. Floriado Marchesan, Ferdinand Tanzer und die Matrosen 3. Kl. Anton Patinovi? und Martin Lorenzin den Tod.
Wie immer in solchen Fällen entwickelte sich um die Schuldfrage ein heftiger Rechtsstreit. Der Kapitän der BLANCHE PAGE, Theophile Herbert, behauptete, daß der Kutter ohne Lichter gefahren sei. Die Österreicher hielten dem entgegen, daß sie auf Befehl von LSchLFhr Filipp Szende v. Keresztes sehr wohl Lichter gesetzt hatten. Richter Smith vom Polizeigericht in Tombs vertagte die Verhandlung zur Ladung weiterer Zeugen. Über den Ausgang weiterer Verhandlun- gen wurde in der New York Times nichts mehr berichtet.
Die 'Gedenkblätter für die k.u.k. Kriegsmarine', Band 1, berichten über das Weitere: "Es vergingen mehrere Monate, ehe eines der Opfer geborgen werden konnte. Erst im Juni des gleichen Jahres fand man die Leichen der Matrosen Anton Cipari? und Anton Batinovi? sowie anfangs Juli auch die des Floriado Marchesan; alle drei fanden in geweihter Erde ihre letzte Ruhestätte. Am Morgen des 2. Juli wurde am Fuße der 138. Straße in Hudson Flusse auch der Leichnam des Seekadetten Otto Karsch gefunden. Dessen Überreste wurden auf Veranlassung des k.u.k. Konsuls in New York in dem auf Long Island gelegenen Greenwood Friedhof bestattet, sowie in Pola auf dem Marinefriedhof eine Gedenktafel errichtet."
Mit diesen Informationen ausgestattet, machte sich Prof. Dr. Pasqual James Imperato von der Universität Brooklyn dankenswerterweise auf die mühevolle Suche bei der Friedhofsverwaltung und wurde erstaunlicherweise erst im Jahre 1888 fündig. Nach den dortigen Akten wurde Karsch am 4. Juni 1888 - dem amerikanischen Unabhängigkeitstag - beerdigt. Greenwood Cemetery ist ein sehr weitläufiger Prominentenfriedhof, aber es gelang Dr. Imperato das Grab zu finden. Die genaue Lokalisierung lautet Grab Nr. 235, Lot Nr. 21025, Section 3/4. Es handelt sich um ein im angelsächsischen Raum übliches Rasengrab, der Stein ist tadellos erhalten, die Inschrift einigermaßen leserlich, sie lautet:
OTTO KARSCH AUS WIEN. SEECADETT DER ÖSTERR.UNG. KRIEGSMARINE. VERUNGLÜCKT IN AUSÜBUNG SEINER PFLICHT AM 2. FEBRUAR 1886 IM 19. LEBENSJAHRE.

Der Verfasser möchte sich auch an dieser Stelle nochmals herzlich bei Prof. Dr. Imperato für seine mühevollen Recherchen bedanken und die Anregung geben, ob dieses Grab nicht in die Obhut der Auslandsösterreicher gegeben werden könnte.


Benützte Quellen:
Heinrich Bayer v. Bayersburg, Die k.u.k. Kriegsmarine auf weiter Fahrt, Wien 1958, Seite 85 ff.
Redaktion der "Mitteilungen aus dem Gebiete des Seewesens" (Hrsg.), Gedenkblätter für die k.u.k. Kriegsmarine, I. Band, Pola o.J., Seite 115 ff.
The New York Times, 4.2., 5.2., 9.2.1886
Österr. Staatsarchiv/Kriegsarchiv, Vorfallenheitsbericht S.M.S. KAISERIN UND KÖNIGIN MARIA THERESIA, Res. Nr. 139 ex 1898
Frederic J. Patka, Die k.u.k. Marinepost 1798-1914, Band 2, Wien o.J.


Die Gedenktafel an der Mauer des Marinefriedhofs Pula existiert noch heute, die Inschrift lautet:
UNSEREM GELIEBTEN KAMERADEN OTTO KARSCH K.K. SEE CADETT GEBOREN ZU BRÜNN
AM 8. SEPTEMBER 1868 VERSCHOLLEN IN DEN WELLEN DES HUDSON AM 3. FEBRUAR 1886
IM DIENSTE SEINES KAISERS.